Eishockey bei Olympia 2026 wird das sein, worauf Fans seit zwölf Jahren gewartet haben: das beste Turnier der Welt, gespielt von den besten Spielern der Welt. Erstmals seit den Winterspielen 2014 in Sotschi nehmen NHL-Spieler wieder an den Olympischen Spielen teil — eine Entscheidung, die das Turnier in Milano Cortina auf ein sportliches Niveau hebt, das bei den Spielen 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking schmerzlich vermisst wurde. Für Deutschland bedeutet das: Leon Draisaitl wird die Nationalmannschaft als Kapitän und Fahnenträger aufs Eis führen — ein Szenario, das die Tragweite dieses Turniers für das deutsche Eishockey auf den Punkt bringt.
Die Winterspiele in Italien finden vom 6. bis 22. Februar 2026 statt. Das Eishockey-Turnier der Männer beginnt am 10. Februar und endet mit dem Finale am 22. Februar. Zwölf Mannschaften kämpfen um Gold, darunter alle großen Nationen des Welteishockeys — mit ihren NHL-Stars in den Aufgeboten. Kanada mit Connor McDavid, die USA mit Auston Matthews, Schweden mit William Nylander, Finnland mit Aleksander Barkov: Die Kaderlisten lesen sich wie ein NHL All-Star Game, nur dass diesmal die Trikots Flaggen tragen statt Clublogos. Und mittendrin Deutschland, dessen Kader dank Draisaitl, Seider und Stützle so stark besetzt sein wird wie nie zuvor in der Geschichte des deutschen Olympia-Eishockeys.
Die Erinnerung an Pyeongchang 2018 — Silber, der größte Erfolg der deutschen Eishockey-Geschichte — schwebt über diesem Turnier wie ein Versprechen und eine Bürde zugleich. Damals spielte Deutschland ohne NHL-Stars und übertraf alle Erwartungen, indem es Schweden und Kanada schlug und erst im Finale an den russischen Athleten scheiterte. Diesmal tritt die Mannschaft mit ihren besten Spielern an, in einem Turnier, bei dem auch alle Gegner ihre NHL-Elite aufbieten. Die Erwartungen sind entsprechend höher — und die Herausforderung anders gelagert. Olympia-Eis — der größte Moment.
Das olympische Eishockey-Turnier: Format, Gruppen und Favoriten
Das olympische Eishockey-Turnier der Männer umfasst zwölf Mannschaften, aufgeteilt in drei Gruppen zu je vier Teams. Die Gruppenphase bestimmt die Setzliste für die K.o.-Runde: Die besten acht Teams — die Gruppensieger, die Gruppenzweiten und die beiden besten Gruppendritten — erreichen das Viertelfinale. Ab dort wird im Einzelspielformat gespielt: ein Spiel, ein Ergebnis, kein Zurück. Die Intensität des olympischen Turniers liegt nicht nur im sportlichen Niveau, sondern im komprimierten Format — weniger Spiele als bei einer WM, höherer Druck pro Partie, weniger Raum für Fehler. Bei einer WM kann ein schlechtes Gruppenspiel durch Siege in den folgenden Partien ausgeglichen werden; bei Olympia kann ein einziger Aussetzer im Viertelfinale das Ende bedeuten. Diese Logik begünstigt Mannschaften mit starken Torhütern und taktischer Disziplin — zwei Eigenschaften, die Deutschland in Pyeongchang in Perfektion zeigte.
Die Austragungsorte in Milano Cortina verteilen sich auf mehrere Spielstätten. Die Eishockey-Partien finden in Mailand statt, wo zwei Arenen für das Turnier genutzt werden. Die größere bietet über 10.000 Plätze und wird für die Medaillenspiele genutzt, die kleinere dient als Ausweichspielstätte für die Gruppenphase. Die Atmosphäre in einer italienischen Metropole, in der Eishockey nicht die Nummer-eins-Sportart ist, wird sich von der in Helsinki oder Prag unterscheiden — aber die reisenden Fanlager der nordeuropäischen und nordamerikanischen Mannschaften werden für Stimmung sorgen. Für deutsche Fans ist Mailand komfortabel erreichbar: Direktflüge von den meisten deutschen Großstädten, Zugverbindungen über die Alpen und eine Stadt, die gastronomisch und kulturell wenig Wünsche offenlässt. Die Kombination aus Wintersport und italienischer Lebensart macht diese Winterspiele zu einem besonderen Erlebnis — auch abseits der Eisfläche.
Die Favoritenanalyse beginnt und endet mit Kanada. Ein Kader, der McDavid, Crosby, MacKinnon und Makar vereint, ist auf dem Papier die stärkste Mannschaft, die je bei einem Turnier aufgelaufen ist. Aber olympisches Eishockey hat seine eigene Logik: Kurze Turniere belohnen Torwartleistungen, taktische Disziplin und den Willen, alles auf eine Karte zu setzen. Die USA, Schweden und Finnland gehören zum engsten Favoritenkreis — jede dieser Mannschaften verfügt über eine Mischung aus NHL-Stars und taktischer Reife, die für eine Medaille reicht. Tschechien und Russland sind gefährlich, weil sie Tradition und Talent vereinen.
Und Deutschland? Spielt die Rolle des Außenseiters, der 2018 bewiesen hat, dass er in einem Kurzturnier zu Großem fähig ist. Die Gruppeneinteilung wird erst kurz vor dem Turnier bekannt gegeben, aber unabhängig von den Gegnern wird Deutschland als eines der schwächsten Teams unter den zwölf Teilnehmern gehandelt — eine Einschätzung, die auf dem Papier stimmt, im Turnierkontext aber nur begrenzt aussagekräftig ist. Der olympische Modus mit K.o.-Spielen ab dem Viertelfinale bedeutet: Ein überragender Torhüter, ein effizientes Powerplay und ein bisschen Glück können jede Rangliste auf den Kopf stellen. Pyeongchang hat das bewiesen.
Der deutsche Kader: NHL-Stars und DEL-Ergänzungen
Der deutsche Olympia-Kader 2026 wird der stärkste sein, den das Land je für ein internationales Turnier nominiert hat. Im Zentrum stehen drei NHL-Spieler, die zu den besten ihrer jeweiligen Position gehören: Leon Draisaitl als offensiver Fixpunkt und gefährlichster Scorer Deutschlands, Moritz Seider als Franchise-Verteidiger mit Calder-Trophy-Vergangenheit und Tim Stützle als kreativer Center, der in Ottawa zum Franchise-Spieler herangewachsen ist. Dazu kommen JJ Peterka und Lukas Reichel als weitere NHL-Stürmer, die dem Kader Tiefe und Geschwindigkeit geben. In der Saison 2024/25 erzielte Draisaitl 106 Punkte in nur 71 Spielen — eine Produktivität, die ihn in jeder Nationalmannschaft der Welt zum Schlüsselspieler machen würde, selbst bei Kanada oder den USA. Sein Vertrag über acht Jahre und 112 Millionen Dollar bei den Edmonton Oilers unterstreicht seinen Stellenwert in der NHL. Für Deutschland ist er mehr als ein Schlüsselspieler: Er ist der Spieler, um den die gesamte Offensive konstruiert wird.
Der Rest des Kaders wird aus DEL-Spielern bestehen, die die mannschaftliche Basis bilden. Erfahrene Torhüter mit internationaler Erfahrung, solide Verteidiger aus der DEL-Spitze und Stürmer, die bereit sind, defensive Aufgaben zu übernehmen und den NHL-Stars den Rücken freizuhalten. Die Herausforderung liegt in der Integration: NHL-Spieler und DEL-Spieler bringen unterschiedliche Spielgeschwindigkeiten, Systemverständnisse und Gewohnheiten mit. Ein Center, der in der NHL an das Tempo der schnellsten Liga der Welt gewöhnt ist, muss sich auf Mitspieler einstellen, die in einem etwas langsameren System sozialisiert wurden. Umgekehrt müssen DEL-Spieler in der Lage sein, mit der Intensität mitzuhalten, die NHL-Profis als Normalzustand betrachten. Die Vorbereitungszeit ist knapp — die NHL unterbricht ihren Spielbetrieb nur für das Olympia-Turnier selbst, nicht für ein ausgedehntes Trainingslager. Der Bundestrainer hat wenige Tage, um aus Einzelspielern ein Team zu formen.
Die Stärke des deutschen Kaders liegt im Sturm — mit Draisaitl und Stützle besitzt die Mannschaft zwei Center, die in der NHL zu den Besten gehören. Peterka und Reichel geben den vorderen Reihen zusätzliche Tiefe. Die Verteidigung wird von Seider angeführt, der in Detroit zu einem der besten Defensivverteidiger der Liga gereift ist — seine Kombination aus Physis, Passqualität und taktischer Intelligenz ist auf internationalem Niveau ein Unterschiedsspieler. Die Schwäche liegt traditionell in der Torhüterposition und in der Kadertiefe jenseits der NHL-Spieler: Während Kanada oder Finnland auf jeder Position drei gleichwertige Optionen haben, ist Deutschland auf seine Topspieler angewiesen. Wenn Draisaitl, Seider oder Stützle ausfallen oder einen schlechten Tag haben, fehlt die individuelle Qualität, um das zu kompensieren.
Dennoch: Im Vergleich zu 2018, als Deutschland ohne einen einzigen NHL-Spieler Silber gewann, ist der Kader 2026 auf einem völlig anderen Niveau. Die Frage ist, ob dieses höhere Niveau auch zu besseren Ergebnissen führt — oder ob der Vorteil des Underdogs, den Deutschland 2018 so meisterhaft nutzte, mit den höheren Erwartungen verloren geht. In Pyeongchang hatte niemand etwas von der deutschen Mannschaft erwartet; in Milano Cortina wird jeder Gegner wissen, dass Draisaitl auf dem Eis steht. Das Element der Überraschung, das in Pyeongchang ein mächtiger Verbündeter war, wird 2026 nicht mehr zur Verfügung stehen. Dafür steht etwas anderes zur Verfügung: rohe Qualität, individuelle Klasse und ein Kapitän, der auf der größten Bühne des Sports bereits bewiesen hat, dass er Druck in Leistung verwandeln kann.
Warum die NHL-Rückkehr alles verändert
Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking fehlten die NHL-Spieler. Die Gründe waren eine Mischung aus finanziellen Streitigkeiten, Versicherungsfragen und Terminproblemen zwischen der NHL, der NHLPA und dem IOC. Die Liga argumentierte, dass eine dreiwöchige Saisonunterbrechung den Spielplan und die Einnahmen zu stark belaste. Die Spielergewerkschaft wollte die Teilnahme, konnte sie aber nicht durchsetzen. Das IOC weigerte sich zunächst, die Reise- und Versicherungskosten zu übernehmen. Das Ergebnis war ein olympisches Eishockey-Turnier, das zwar spannend war — Deutschlands Silbermedaille 2018 bewies das —, aber nicht das höchste sportliche Niveau repräsentierte. Wie ein Grand-Slam-Turnier ohne die Top-100-Spieler: sehenswert, aber nicht das, was es sein könnte.
Das Abkommen für 2026 ändert alles. Die NHL unterbricht ihre Saison für knapp drei Wochen, die Spieler reisen zu ihren Nationalmannschaften, die Versicherungsfragen sind geklärt, und die Übertragungsrechte sind so verteilt, dass alle Seiten profitieren. Für die Fans bedeutet das: Die besten Eishockeyspieler der Welt spielen gegeneinander in einem Wettbewerb, in dem es nicht um Geld, sondern um nationale Ehre geht. Dieses Narrativ — Patriotismus statt Paycheck — ist der Kern dessen, was olympisches Eishockey von der NHL unterscheidet. In der NHL spielen Draisaitl und McDavid im selben Team; bei Olympia stehen sie auf verschiedenen Seiten, Deutschland gegen Kanada, Edmonton-Teamkollegen als Rivalen. Diese Konstellation erzeugt eine Dramatik, die kein reguläres Saisonspiel bieten kann.
Für die traditionellen Eishockey-Großmächte verändert die NHL-Rückkehr die Kaderqualität dramatisch. Kanada kann zwischen 200 NHL-Spielern wählen, die USA zwischen 300, Schweden und Finnland jeweils zwischen 40 und 70. Deutschland hat fünf bis sieben NHL-Profis zur Verfügung — eine überschaubare Zahl, die aber ausreicht, um den Kader auf ein Niveau zu heben, das ohne sie unerreichbar wäre. Der Unterschied zwischen einem deutschen Team mit Draisaitl und einem ohne Draisaitl ist so groß wie der Unterschied zwischen einem Bundesliga-Club mit und ohne seinen besten Stürmer. Draisaitl allein verschiebt die Kalkulation jedes Gegners: Gegen welche Linie setzt man die beste Defensivreihe? Wie neutralisiert man einen Spieler, der in der NHL 106 Punkte erzielt hat? Diese taktischen Fragen stellen sich nur, wenn Draisaitl auf dem Eis steht — und sie machen Deutschland zu einem Gegner, mit dem im olympischen Turnier jeder rechnen muss.
Die Rückkehr der NHL-Spieler verändert auch die Wahrnehmung des Turniers. Olympisches Eishockey mit den besten Spielern der Welt ist ein globales Event, das Aufmerksamkeit generiert, die über die Eishockey-Kernzielgruppe hinausgeht. In Deutschland werden die Olympia-Spiele im Februar ein Millionenpublikum vor die Bildschirme locken — auch Menschen, die sich normalerweise nicht für Eishockey interessieren, aber wissen, dass Leon Draisaitl mit der deutschen Fahne ins Stadion einläuft. Die TV-Übertragung wird über die öffentlich-rechtlichen Sender laufen, ergänzt durch MagentaSport und Eurosport — eine Medienabdeckung, die dem Eishockey in Deutschland eine Reichweite verschafft, die es außerhalb der WM-Phase im Mai normalerweise nicht erreicht. Die Kombination aus olympischem Glamour, NHL-Starpower und einem deutschen Team mit realen Medaillenchancen hat das Potenzial, den Popularitätsschub von 2018 nicht nur zu wiederholen, sondern zu übertreffen.
Draisaitl als Kapitän und Fahnenträger: Das Gesicht des deutschen Eishockeys
Die Nachricht, dass Leon Draisaitl bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2026 als Fahnenträger der deutschen Delegation einlaufen wird, hat eine Symbolkraft, die weit über den Sport hinausreicht. Es ist die offizielle Anerkennung eines Sportlers, der in seiner Disziplin zur absoluten Weltspitze gehört — und der damit dem deutschen Eishockey eine Sichtbarkeit verschafft, die keine Marketingkampagne hätte erreichen können. In der Geschichte der deutschen Olympia-Delegationen war die Rolle des Fahnenträgers bislang Athleten aus populäreren Sportarten vorbehalten — Skisport, Leichtathletik, Fechten. Dass ein Eishockeyspieler diese Ehre erhält, markiert einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung des Sports in Deutschland.
Draisaitl selbst hat die Bedeutung dieses Moments nicht heruntergespielt. Er kommentierte seine Nominierung als Fahnenträger mit den Worten: „Das war wahrscheinlich der größte Moment in meinem Leben.“ — Leon Draisaitl, Kapitän der Deutschen Eishockey-Nationalmannschaft
Als Kapitän trägt Draisaitl auf dem Eis eine doppelte Verantwortung. Er muss nicht nur seine eigenen Leistungen abrufen — was bei einem Spieler seines Kalibers selten ein Problem ist —, sondern auch das Team führen, motivieren und in Drucksituationen die richtige Entscheidung treffen. In Edmonton hat er diese Rolle in den vergangenen Jahren gelernt, als Co-Kapitän neben McDavid. Bei der Nationalmannschaft ist er der unbestrittene Anführer, der Spieler, zu dem alle aufschauen. Die 1.000 Punkte in der NHL, die Richard Trophy, der 112-Millionen-Dollar-Vertrag — das sind Zahlen, die Respekt erzwingen, nicht nur bei den Gegenspielern, sondern auch bei den eigenen Teamkollegen. Ein DEL-Spieler, der neben Draisaitl auf dem Eis steht, spürt die Qualitätsdifferenz in jeder Schicht. Aber Führung bei einem olympischen Turnier erfordert mehr als Statistiken: Sie erfordert die Fähigkeit, ein heterogenes Team — NHL-Stars und DEL-Spieler, Veteranen und Debütanten — zu einer Einheit zu formen, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.
Was Draisaitls Rolle für das Image des deutschen Eishockeys bedeutet, lässt sich am besten im Vergleich zu anderen Sportarten verstehen. Im Fußball hat Deutschland seit Jahrzehnten globale Stars. Im Tennis gab es Boris Becker und Steffi Graf. Im Motorsport Michael Schumacher und Sebastian Vettel. Im Eishockey war die Sichtbarkeit lange auf die Eishockey-Community beschränkt — ein Sport, der von seinen Anhängern leidenschaftlich geliebt wurde, aber in der breiten Öffentlichkeit hinter Fußball, Tennis und Formel 1 verschwand. Draisaitl durchbricht diese Grenze: Er ist ein Name, den auch Menschen kennen, die keinen einzigen DEL-Spieltag verfolgen. Er ist der Sportler, der bei Olympia die deutsche Fahne trägt — eine Ehre, die in früheren Jahrzehnten ausschließlich Athleten aus populäreren Sportarten vorbehalten war. Die Olympischen Spiele werden diesen Effekt verstärken — denn Olympia ist die einzige Bühne, auf der Eishockey in Deutschland ein Massenpublikum erreicht, das über die üblichen zwei bis drei Millionen DEL-Zuschauer weit hinausgeht.
Deutsche Olympia-Geschichte: Von Pyeongchang bis Milano Cortina
Die Geschichte des deutschen Eishockeys bei Olympischen Spielen lässt sich in zwei Kapitel teilen: vor Pyeongchang und nach Pyeongchang. Vor 2018 war Deutschland bei olympischen Eishockey-Turnieren ein Teilnehmer, der regelmäßig in der Vorrunde ausschied oder im Viertelfinale endete. Das beste Ergebnis vor Pyeongchang war ein sechster Platz — respektabel, aber weit entfernt von der Medaillenzone. Bei den Spielen 2014 in Sotschi — den letzten mit NHL-Beteiligung — war Deutschland chancenlos gegen die mit ihren besten Spielern bestückten Großmächte. Die Olympia-Historie des deutschen Eishockeys war eine Fußnote in den Geschichtsbüchern des Sports, gelesen nur von Eingeweihten.
Dann kam Pyeongchang. Das Turnier, das alles veränderte. Ohne NHL-Spieler, als klarer Außenseiter, spielte Deutschland die beste Turnierleistung seiner Geschichte. In der Vorrunde setzte sich das Team durch, im Viertelfinale schlug es Schweden — eine der großen Eishockey-Nationen —, im Halbfinale folgte ein Sieg gegen Kanada, das trotz des Fehlens seiner NHL-Stars als Favorit galt. Jedes einzelne dieser Spiele war ein Nervenkitzel, jedes hätte in die andere Richtung kippen können. Im Finale gegen die russischen Athleten lag Deutschland in der dritten Periode in Führung, ehe ein Gegentreffer in den letzten Sekunden der regulären Spielzeit die Verlängerung erzwang. In der Overtime fiel das russische Siegtor — ein Moment, der Millionen deutsche Fernsehzuschauer gleichzeitig aufspringen und zusammensacken ließ. Silber statt Gold — und dennoch der größte Moment in der Geschichte des deutschen Eishockeys. Die Mannschaft wurde in Deutschland empfangen wie Helden, und der Sport erlebte einen Popularitätsschub, der bis heute nachwirkt.
Die Olympischen Spiele 2022 in Peking brachten keinen vergleichbaren Erfolg. Erneut ohne NHL-Spieler, schied Deutschland in der Vorrunde aus — ein ernüchterndes Ergebnis, das zeigte, wie schwer der Pyeongchang-Run zu wiederholen war. Die Mannschaft spielte solide, aber nicht außergewöhnlich, und gegen die stärkeren Gegner fehlte die individuelle Klasse, um in engen Spielen den Unterschied zu machen. Das Turnier bestätigte die Erkenntnis, dass der Pyeongchang-Lauf eine Ausnahmeerscheinung war — ein perfekter Sturm aus Teamgeist, taktischer Disziplin und einem Torhüter in Weltform, der über sich hinauswuchs. Ohne diese Kombination ist Deutschland im olympischen Vergleich ein Team, das für Überraschungen gut ist, aber nicht zu den Medaillenfavoriten gehört. Die Lehre aus Peking war klar: Um bei Olympia regelmäßig um Medaillen zu spielen, braucht Deutschland seine NHL-Stars — und genau die werden 2026 erstmals seit einem Jahrzehnt wieder dabei sein.
Milano Cortina 2026 bietet eine neue Ausgangslage. Mit NHL-Spielern im Kader ist Deutschland stärker als in Pyeongchang — aber auch die Gegner sind stärker, weil diesmal alle Nationen mit ihren besten Spielern antreten. Ein realistisches Ziel wäre das Viertelfinale, ein ambitioniertes das Halbfinale. Eine Medaille wäre ein Erfolg, der an Pyeongchang heranreicht — unter ungleich schwierigeren Bedingungen, weil die Konkurrenz diesmal das gesamte Arsenal aufbietet. Was feststeht: Deutschland wird mit dem stärksten Kader seiner Geschichte antreten, angeführt von einem Spieler, der die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier tragen wird. Die Geschichte des deutschen Olympia-Eishockeys ist eine Geschichte des Möglichen. Und in Milano Cortina ist mehr möglich als je zuvor. Olympia-Eis — der größte Moment.
