Die deutsche Eishockey-Geschichte reicht weiter zurück, als die meisten Fans vermuten. Über 100 Jahre Eishockey in Deutschland — das ist eine Geschichte von Pionieren auf gefrorenen Seen, einer Bundesliga-Ära mit legendären Derbys, einer Revolution namens DEL und einem olympischen Silbermedaillen-Märchen, das eine ganze Nation verzauberte. Wer verstehen will, warum deutsches Eishockey heute dort steht, wo es steht, muss die Vergangenheit kennen.
Dieser Rückblick erzählt die Geschichte des Sports von den Anfängen im Kaiserreich bis zum Boom der Gegenwart. Es ist eine Geschichte voller Brüche, Neuanfänge und einer Beharrlichkeit, die den Sport durch zwei Weltkriege, eine deutsche Teilung und mehrere Ligareformen getragen hat. Am Ende steht eine Sportart, die sich als zweitstärkste Zuschauerliga Deutschlands etabliert hat — ein Aufstieg, den 1909 niemand für möglich gehalten hätte. Und die Geschichte geht weiter: Mit deutschen NHL-Stars, einer Heim-WM 2027 am Horizont und Zuschauerzahlen, die Jahr für Jahr neue Rekorde brechen.
1909 bis 1994: Von den Anfängen bis zum Ende der Bundesliga
Die Geburtsstunde des organisierten Eishockeys in Deutschland wird auf das Jahr 1909 datiert, als der Berliner Schlittschuhclub erstmals Eishockey in sein Programm aufnahm. In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich der Sport langsam, zunächst in den Wintermonaten auf natürlichen Eisflächen, später in den ersten Kunsteishallen. Die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen gaben dem deutschen Eishockey einen frühen internationalen Auftritt, auch wenn die Nationalmannschaft in der Weltspitze noch keine Rolle spielte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Eishockey in beiden deutschen Staaten unterschiedlich. In der Bundesrepublik wurde 1958 die Eishockey-Bundesliga gegründet — die höchste Spielklasse, die für die nächsten 36 Jahre das Rückgrat des deutschen Eishockeys bildete. In der DDR existierte eine eigene Oberliga, die allerdings international weniger sichtbar war und nach der Wiedervereinigung 1990 in die gesamtdeutschen Strukturen integriert wurde.
Die Bundesliga-Ära brachte Legenden hervor, deren Namen im deutschen Eishockey bis heute nachhallen. Erich Kühnhackl, der Torjäger des SC Riessersee und der Kölner Haie, gilt als einer der besten deutschen Spieler aller Zeiten — sein Sohn Dominik sollte Jahrzehnte später bei Olympia 2018 in Pyeongchang Geschichte schreiben. Lorenz Funk, Alois Schloder und Udo Kießling prägten eine Ära, in der deutsche Clubs zwar keine internationale Spitzenrolle spielten, aber eine leidenschaftliche Fankultur aufbauten, die den Sport in Städten wie Köln, Mannheim, Düsseldorf und München verankerte. Die Derbys dieser Zeit — Köln gegen Düsseldorf, Mannheim gegen Frankfurt — sind Rivalitäten, die bis in die DEL der Gegenwart nachwirken.
Die Bundesliga hatte ihre eigenen Rituale, ihre eigenen Rivalitäten und ihre eigenen Probleme. Finanzielle Schwierigkeiten, Auf- und Abstiege, Vereinsinsolvenzen — der deutsche Eishockeysport kämpfte jahrzehntelang mit Strukturen, die für den Profisport unzureichend waren. Die DEL positioniert sich heute als die Nummer zwei der deutschen Sportligen — ein Status, der in der Bundesliga-Ära unerreichbar schien und der den langen Weg unterstreicht, den der Sport seit seinen Anfängen zurückgelegt hat.
Die Wende kam Anfang der 1990er-Jahre, als die Unzufriedenheit mit dem Bundesliga-Format und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen kritischen Punkt erreichte. Die Clubs wollten mehr Kontrolle über ihre Vermarktung, professionellere Strukturen und eine Liga, die international wettbewerbsfähig war. Die Wiedervereinigung 1990 hatte zudem neue Standorte und neue Spieler ins System gebracht, was die Notwendigkeit einer strukturellen Reform noch deutlicher machte. Das Ergebnis war ein radikaler Schnitt — ein Neuanfang, der den Sport in Deutschland für immer verändern sollte.
1994 bis heute: Die DEL und der Aufstieg zur Rekord-Liga
Im September 1994 wurde die Deutsche Eishockey Liga gegründet — ein Neuanfang, der den Sport in Deutschland grundlegend veränderte. Die DEL brach mit der Tradition der Auf- und Abstiege, führte ein geschlossenes Ligaformat ein und stellte wirtschaftliche Kriterien für die Teilnahme auf. Die erste DEL-Saison 1994/95 umfasste 18 Teams und war von Skepsis begleitet — würde der Bruch mit der Bundesliga funktionieren?
Die Antwort kam schrittweise. In den ersten Jahren kämpfte die DEL mit denselben finanziellen Problemen, die schon die Bundesliga geplagt hatten. Clubs gingen in die Insolvenz, die Zuschauerzahlen schwankten, und die internationale Konkurrenz war übermächtig. Aber die Strukturreformen griffen langfristig: Die DEL professionalisierte sich, die Vermarktung verbesserte sich, und die Qualität auf dem Eis stieg. Der Wandel vom Auf-und-Ab der Bundesliga zur geschlossenen Profiliga war kein sofortiger Erfolg, aber er legte das Fundament für alles, was danach kam.
Die NHL-Lockouts 2004/05 und 2012/13 brachten der DEL unerwartete Prominenz. Plötzlich spielten NHL-Stars in deutschen Arenen — ein Effekt, der neue Fans anzog und die mediale Aufmerksamkeit erhöhte. Marco Sturm, Jochen Hecht und andere deutsche NHL-Spieler kehrten vorübergehend in die Heimat zurück und zeigten, was auf dem Eis möglich war. Für viele junge Spieler waren diese Gastauftritte eine Inspiration — der Beweis, dass der Weg aus der DEL in die NHL und zurück möglich war und dass die beste Liga der Welt nicht so unerreichbar war, wie sie aus der Ferne wirkte.
Die Heim-WM 2010 in Köln und Mannheim markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Ausverkaufte Arenen, nationale TV-Reichweiten und ein enthusiastisches Publikum bewiesen, dass Eishockey in Deutschland mehr als eine Randsportart war. Die WM 2017, erneut teilweise in Köln, bestätigte diesen Trend.
Dann kam Pyeongchang. Die Silbermedaille bei den Olympischen Winterspielen 2018 — errungen ohne NHL-Spieler, mit einem Team, das niemand auf der Rechnung hatte — war der emotionale Höhepunkt des deutschen Eishockeys. Die Spiele gegen Kanada, Schweden und Russland wurden zu TV-Ereignissen, und der Finaltag ging als einer der großen deutschen Sportmomente in die Geschichte ein. Millionen sahen das Endspiel, in dem Deutschland den Olympischen Athleten aus Russland unterlag — eine Niederlage, die sich wie ein Sieg anfühlte, weil allein die Teilnahme am Finale den Rahmen des Vorstellbaren sprengte. Diese Medaille veränderte die Wahrnehmung des Eishockeys in Deutschland nachhaltiger als jede Ligareform.
In der Jubiläumssaison 2023/24 — dem 30. Geburtstag der DEL — lag die Liga auf Rekordkurs: über zwei Millionen Zuschauer und ein Zuwachs von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Saison darauf stellte mit 2,8 Millionen Besuchern den nächsten Rekord auf. Der Aufwärtstrend hält an, und mit der Heim-WM 2027 steht das nächste Großereignis bevor.
Über 100 Jahre Eishockey in Deutschland — von den gefrorenen Berliner Seen zum SAP Garden in München, von der Bundesliga zur DEL, von der Anonymität zur Silbermedaille. Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Und das nächste Kapitel beginnt an jedem Spieltag aufs Neue.
